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Natur und Kunst auf Rheinelbe

Tourist für einen Tag

In der schrägen Glasfassade des Wissenschaftsparks Gelsenkirchen spiegeln sich Schäfchenwolken. „Na, wenn das ‘mal nicht ein tolles Ausflugswetter ist!“ Anke strahlt. Gemeinsam mit Schwestern und Cousinen hat die junge Frau zum Geburtstag von Vater Heinz und Onkel Karl-Heinz eine Tour der besonderen Art arrangiert. Auf Segways geht es mit Fremdenführerin Ulla Enigk und dem Segway-Experten Ralf Sostek rund zwei Stunden lang über das Gelände der ehemaligen Zeche Rheinelbe, zum Mechtenberg, rauf auf die Halde Rheinelbe und weiter bis zur Zeche Holland.

Anke, Sabine, Wiebke, Marion, Heinz und Karl-Heinz lauschen aufmerksam der technischen Einweisung. „Erst, wenn alle Funktionslichter auf Grün stehen, steigen wir auf“, erläutert Ralf Sostek von der fun-mobilty GmbH, „Lenker nach vorn, und wir geben Gas, Lenker nach hinten ziehen, und wir bremsen!“ Die unternehmungslustige Familie aus Castrop-Rauxel hat die Tour beim Reiseveranstalter WESTHEIDE Tours & Events gebucht. Wiebke: „So lernen wir unsere Heimat besser kennen und haben dabei noch riesigen Fahrspaß!“

Seit 1998 organisiert Carsten Westheide mit seinem Team Touren und Events im In- und Ausland. Die Stärke des kleinen, aber feinen Reiseveranstalters liegt in der Liebe zum Detail. „Wir stellen immer das Besondere in den Mittelpunkt“, sagt Westheide. Für einige erstaunlich, für Westheide deshalb logisch: „Mittlerweile bilden unsere Programme im Ruhrgebiet einen Schwerpunkt des Geschäfts.“ Die Nachfrage nach Entdeckungstouren auf den Spuren von Kohle und Stahl boomt. Wer sich nicht auf Segways wagt, der kann bei der Firma Westheide auch Themenfahrten mit dem Bus buchen: „Religionen im Revier“ oder die „Vier-Halden-Tour“ lauten unter anderem die Titel.

Inzwischen haben sich alle Tourteilnehmer mit ihren „neuen Füßen“ vertraut gemacht und starten zum Gelände der ehemaligen Zeche Rheinelbe. Beim Einbiegen in die Leithestraße werden die ersten historischen Zechenbauten sichtbar. Ulla Enigk rauscht voraus. Per Funk ist sie mit kleinen Lautsprechern an den Segways der Teilnehmer verbunden. Die gebürtige Dänin erläutert mit entzückendem Akzent alle historischen und kulturellen Besonderheiten der Strecke. Das ehemalige Trafohaus mit der Telefonzentrale wurde im Zuge der IBA Emscherpark zu einem Verwaltungssitz und Gästehaus umgebaut. Nach dem Ende der IBA bezogen das ‘Europäische Haus der Stadtkultur‘ und das M:AI – Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW – die Gebäude. „Dies ist ein Museum, das Immobilien in den Fokus rückt, selbst aber mobil ist“, erläutert Ulla.
Das Museum wandert mit Ausstellungen, Exkursionen, Vorträgen und künstlerischen Aktionen immer an Orte in Nordrhein-Westfalen, die für gutes Bauen stehen oder architektonische Schätze beheimaten. Ein weiteres Gebäude an der Leithestraße beheimatet die ‘Kultur Ruhr GmbH‘. Was die junge Dänin alles über’s Ruhrgebiet weiß! Da staunen die Eingeborenen nicht schlecht ...

Und die Streckenführung übernimmt Ulla auch: „Jetzt biegen wir rechts ein, es kommt ein kleiner Huckel, den nehmen wir mit ein wenig Schmackes!“ Während sich die Segway-Fahrer weiter Richtung Halde auf den Weg machen, öffnen sich die Türen des Hotels Lichthof und eine Gruppe Tagungsteilnehmer strömt ins Freie. Dort, wo 1861 der Antrieb für die beiden Fördertürme der Zeche Rheinelbe lief und später die Lohnhalle der Zechengesellschaft Raum fand, betreibt der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW heute ein modernes Tagungshotel. Die ehemalige Maschinen- und spätere Lohnhalle wurde 1993 umgebaut, 1996 startete der Tagungsbetrieb unter dem Motto „Lernen im Park“. Zehn Seminar- und Konferenzräume, 53 Hotelzimmer, Restaurant, Kneipe und Kegelbahn – die Tagungsteilnehmer aus ganz Deutschland genießen nicht nur diesen Service. Vor allem das „spannendende“ Umfeld – die Verbindung von Industriearchitektur, Natur und Kunst – lädt nach den Seminaren zu einem entspannenden Spaziergang ein. Der könnte zum Beispiel durch den verwunschenen Skulpturenwald gehen, durch den die achtköpfige Reisegruppe jetzt rollt.

Hier hat der 2008 verstorbene Künstler Herman Prigann bizarre und skurrile Werke aufgestellt: Abbruchmaterial von Zechengebäuden, Schwellenhölzer oder Metallteile türmen sich zu meterhohen Skulpturen. Ein kleiner Abstecher führt die Teilnehmer der Tour anschließend zur Kunststation auf Rheinelbe. Hier lebt und arbeitet das Künstler-Ehepaar Mauß. Die Tür zum Atelier steht offen. Ulla weiß: „Dann dürfen wir auch einmal kurz hineinschauen.“

Freundlich begrüßen Marion und Bernd Mauß die Gäste und zeigen großzügig ihr Atelier. Die Touristen für einen Tag staunen nicht schlecht: Bei Familie Mauß kann man sogar Urlaub machen! In der Kunststation befinden sich nicht nur Atelier und Privatwohnung, sondern auch eine Ferien-wohnung und zwei Gästezimmer. „Wer bucht sich denn hier ein?“, wollen die neugierigen Gäste wissen. An den Wochenenden beherbergen wir Messebesucher, Fußballfans oder Radwanderer – in der Woche sind sowohl die Wohnung als auch unsere beiden Gästezimmer an Geschäftsreisende oder Handwerker vermietet“, berichtet Marion Mauß. Aber einmal, da zogen auch dunkle Gestalten ein. „Als ich die Tür öffnete und mich eine Gruppe junger Leute mit schwarz gefärbten Haaren und langen Ledermänteln aus bleichen Gesichtern und schwarz umrandeten Augen anschaute wurde mir erst etwas mulmig.“ Marion Mauß lächelt verschmitzt: „Dabei waren die dann so nett.“ Es handelte sich um eine Clique von Gothic-Fans, die aus Norddeutschland zum Gelsenkirchener Blackfield Festival angereist waren. Die Ferienwohnung von Familie Mauß in der Kunststation Rhein-Elbe hatten sie über’s Internet (www.zimmer-im-revier.de) gebucht. Die Atmosphäre im liebevoll restaurierten ehemaligen Zechengebäude sei einmalig, versicherten sie zum Abschied. Bernd Mauß erzählt weiter: „Lustig wird’s auch immer, wenn unsere niederländischen Stammgäste zur Spiele-Messe in Essen anreisen.“ Die hatten einst gezielt nach einer Unterkunft im Ruhrgebiet gesucht, in der nach einem anstrengenden Messetag das gemütliche Zusammensein möglich ist. Jetzt kommen sie Jahr für Jahr wieder. „Tagsüber sammeln sie neue Anregungen in den Essener Messehallen und dann spielen sie oben in der Ferienwohnung die ganze Nacht durch“ berichtet Bildhauer Bernd Mauß. Die 110 Quadratmeter große Ferienwohnung ist dafür ideal. Die Nähe zur A40, die dennoch ruhige Lage im idyllisch angelegten Zechenpark von Rheinelbe, die moderne Ausstattung in historischen Mauern – da lassen sich die Gäste abends gern entspannt ins Sofa oder auf der hübschen Terrasse in den Gartenstuhl sinken. Die erste Reaktion der Auswärtigen, so Marion Mauß, sei meist: „Wir hätten nie gedacht, dass es hier so grün ist.“ Und in der Kunststation Rheinelbe? Da wird es bunt! Marion Mauß ist Malerin und Objektkünstlerin. Ihre Arbeiten prägen eine lustvolle Farbenpracht: gespachtelte Öl- und Acrylfarben schichten sich in Streifen übereinander – in ihren „Lebensbüchern“ schließt sie Objekte in Einmachgläsern ein oder gießt sie in Polyesterharz. Bernd Mauß ist Bildhauer. Sein bevorzugtes Material ist Speckstein, manchmal kombiniert mit Holz und Eisen. Das Hauptthema des Künstlers ist der menschliche Torso. Die Zusammenarbeit und der Austausch mit anderen Kreativen ist dem Künstlerpaar wichtig – so geben sie nicht nur Kurse für künstlerisch interessierte Laien, das Wohnzimmer der Maußens wird hin und wieder zum Konzert- oder Tanzsaal, im Kultur-hauptstadtjahr gestalteten sie gemeinsam mit anderen Künstlern das Projekt „Starke Orte“.
Bernd Mauß ist Vorsitzender des Bunds Gelsenkirchener Künstler, beide sind Mitinitiatoren der Galeriemeile Gelsenkirchen und des Kunst- und Kulturpfads Ückendorf. Die Aussicht, Leben und Arbeiten unter einem Dach vereinen und den Austausch mit anderen Künstlern aktiv pflegen zu können, trieb das Ehepaar Mauß im Jahr 2000 an, Gebäude und Grundstück für einen symbolischen Preis zu kaufen. „Ein etwas verrücktes Unternehmen“, meinen beide in der Rückschau. „Es handelte sich schließlich um eine leere Halle mit kaputten Scheiben und undichtem Dach”, berichtet Bernd Mauß. Mit Kreide teilte Marion Mauß die 480 Quadratmeter große Grundfläche in Zimmer auf, die ersten Zimmerwände bestanden aus Umzugskartons. Es kostete die beiden viel Geld, Kraft und Nerven, bis die Räume der Kunststation als Atelier genutzt werden konnten.

Fast hätte sich die Gruppe festgequatscht und ebenfalls für eine Nacht bei Maußens einquartiert. Aber jetzt heißt es: Aufsteigen und weiter über die Trasse der alten Kray-Wanner-Bahn Richtung Halde rollen! Am Fuße des Mechtenbergs, der einzigen natürlichen Erhebung in dieser Gegend, folgt noch ein Zwischenstopp auf einem kleinen Bauernhof – mitten im Ruhrgebiet! Das Hofcafé sieht sehr einladend aus. Aber es ist schon spät, und der Höhepunkt der Tour steht noch bevor:
Mit Leichtigkeit erklimmen die Segways die Halde Rheinelbe. Die letzten Meter zum Kunstwerk „Himmelstreppe“ hinauf geht’s zu Fuß. Anke ist begeistert: „Was für ein Blick!“ Ulla kennt sie alle – die Fördertürme, Bürogebäude und Landmarken der Städte Gelsenkirchen, Wattenscheid und Essen. Schnell verstrickt sie sich mit einem älteren Herrn in ein Fachgespräch. „Sieht man jetzt dort drüben die Gebäude von Schacht 1 und 2 oder von Schacht 3 und 4 der Zeche Holland?“
„Na, in Gelsenkirchen-Ückendorf stehen natürlich Schacht 1 und 2 – das sieht man doch an der einzigen in Europa erhaltene Doppel-Malakowturm-Anlage!“ Die umkreist die Reisegruppe noch nach rasanter Haldenabfahrt auf dem Rückweg. Zwei kleine Mädchen sitzen dort auf einer Mauer, schlecken Eis, winken heftig, als die Segway-Fahrer vorbeisausen.

Die Luft ist klar, die Sonne strahlt. Schöne Aussichten hier im Ruhrgebiet!

 

( Tourbericht von Katrin Osbelt, Agentur KO2B, Internet: www.ko2b.com , für NRW Urban)